Diskurs

Unsäglich. Zum Stand der deutschen Comic-Forschung 2009

Von Ole Frahm, 13.11.2009 | Kommentare | Seite: 1 2 3 4

Es wird kaum jemandem verborgen geblieben sein, dass sich Comics in den letzten Jahren einer wachsenden gesellschaftlichen Aufmerksamkeit erfreuen. Die Feuilletons der großen Zeitungen besprechen Neuerscheinungen, die Buchhändler nehmen Graphic Novels in ihr Sortiment – und in der Wissenschaft nimmt die Forschung über dieses Gemisch aus Text und Bild zu. Es ist seltsam zu sehen, wie die aufgrund eines Akronyms betitelte »Arbeitsstelle für Graphische Literatur« fast 20 Jahre nach ihrer Gründung an der Universität Hamburg nun zum Stichwortgeber für Marketing-Strategien und Kulturredakteure mutiert, aber auch wie selbstverständlich in wissenschaftlichen Buchtiteln zitiert wird, wie von Martin Schüwer in seinem Grundriss einer intermedialen Erzähltheorie der grafischen Literatur.

Von der ArGL selbst war in den letzten Jahren eher wenig zu vernehmen, ihre Bibliothek insbesondere sekundärer Werke bleibt aber die vollständigste in der BRD und ist neuerdings über den Katalog der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek zu recherchieren. Schien die Aufgabe, diese Literatur zu sammeln, noch vor Jahren nicht allzu aufwändig, hat sich international wie in Deutschland das Blatt gewendet, und es zeichnen sich erste Konturen eines Diskurses ab, die gleichwohl nicht sonderlich ermutigen – zumindest in Deutschland. Während in Frankreich, England und den USA längst auf Grundlage der Semiotik und der Cultural Studies Betrachtungen vorgenommen werden, die sich nicht im Allgemeinen verlieren und tatsächlich den Schatten eines wissenschaftlichen Diskurses werfen – fachliche Meinungsverschiedenheiten werden ausgetragen, es beziehen sich einzelne Arbeiten aufeinander, nicht jede Frage wird so gestellt, als sei der Autor der Erste, der sie beantwortet –, bleibt Deutschland, anders als in der Comic-Produktion, doch ganz in den nationalen, wenn nicht sogar nationalistischen Provinzen, eine irritierende Tatsache bei einem Medium, das maßgeblich zur Internationalisierung der Kulturproduktion selbst beigetragen hat.
Sicherlich ist es nicht falsch, zu untersuchen, warum beispielsweise in diesem Land die Produktion komplexer Schrift-Bild-Verhältnisse so ärmlich war und als einzige Antwort die Vertreibung der jüdischen Zeichner nach 1933 nicht gelten zu lassen. Denn wenn sich immer wieder und gerne auf Wilhelm Busch wenn nicht als Vater so zumindest als Großvater der Comics berufen wird, dann muss doch angemerkt werden, dass dessen Kinder, vielleicht aus gutem Grund, erst in der Emigration glücklich wurden.

Eckart Sackmann (Hrsg.) “Deutsche Comicforschung 2009″, Comicplus+, Hildesheim 2009

Entscheidender wäre allerdings, die Vorstellung der Vaterschaft selbst fahren zu lassen und eine diskurskritische Position zu erarbeiten. Davon ist die deutsche Comicforschung weit entfernt. Im jüngsten Band des gleichnamigen, von Eckart Sackmann herausgegebenen Jahrbuches wirft dieser einen Blick zurück auf die Entwicklung der titelgebenden Institution, die alles andere als dies ist, und stellt wenig überraschend – wenn man will: als Farce Hegels – fest, dass er selbst mit seinem Jahrbuch nun den Stand derselben angibt. Niemand muss den philologischen Wert manchen Beitrags oder Wiederabdrucks verachten, um sich vom Unternehmen selbst in seiner uninspirierten Tristesse, die sich aus der Nationalisierung des Gegenstandes wie der fehlenden Kritik an der Nation erklären könnte, deprimieren zu lassen. Diese Stimmung wird auch nicht durch Studien aufgehellt, die eine allgemeine Formbeschreibung vornehmen und dabei elegant vermeiden, sich zur politischen Ambivalenz des Mediums, seinen Stereotypen, seinen Abwertungen und Rassismen, aber auch zu seinen reflexiven Qualitäten zu verhalten. In der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Comics scheint in Deutschland zu gelten, was schon den Weimarer Rundfunk politisch beendete: ein Neutralitätsgebot, das jede weiter greifende, folgenreiche Erkenntnis verhindert.

Stephan Packards psychosemiotische Anatomie des Comic von 2007 wird nun durch Jakob F. Dittmars Comic-Analyse und Martin Schüwers Wie Comics erzählen ergänzt.
Die Schwierigkeiten einer allgemeinen Comic-Theorie liegen auf der Hand: Anders als die Sprache hat der Comic kein System, keine langue, deren Struktur zergliedert werden könnte – wie es die Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts seit Ferdinand de Saussures Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft dominierte.

Stephan Packard “Anatomie des Comics - Psychosemiotische Medienanalyse”, Wallstein Verlag, Göttingen 2006

Schon 1978 stellte Ulrich Krafft in seiner Dissertation Comics lesen fest: »Bild und Text unterliegen jeweils den Gesetzmäßigkeiten des Codes, aus dem sie stammen. Die Synthese findet gerade nicht auf der Ebene des Zeichensystems, der langue, statt, sondern erst im jeweiligen Comic-Text, auf der Ebene der parole. Hier werden nicht Elemente zweier Zeichensysteme, sondern Texte oder Textteile zueinander in Beziehung gesetzt.« Comics integrieren Schrift und Bild auf der Ebene der parole, des Sprechens, genauer gesagt: im Akt des Zeichnens. Es bräuchte also keine Zeichentheorie des Comics, sondern eine Sprechakttheorie, die aber angesichts der Menge und Unterschiedlichkeit der weltweit erscheinenden Comics schnell ihre theoretische Schärfe verlieren würde. Kraffts Ansatz war ein textlinguistischer, der – auch darin begrenzt – doch recht überzeugend verschiedene Elemente des Comics systematisieren und brauchbare Begrifflichkeiten wie den der »Kontur« vorschlagen konnte, die zumindest einen allgemeinen Ansatz für die Analyse des Comics gerade auch aufgrund seiner zitierten Einsicht ermöglichten.
Jakob F. Dittmar beendet seine Comic-Analyse mit eben diesem Zitat Kraffts und folgert: »Untersuchbar ist demnach die Verwendung von bildlichen und textlichen Zeichen in konkreten Anwendungen und nicht die theoretische Vielzahl möglicher Nutzungen. Wie sich in diesen Code-Anwendungen zum Beispiel Erinnerungen und Mythisierungen ausdrücken, wie Erzähltraditionen geschaffen und aufrechterhalten werden, ob und in welcher Form sich eine spezifische Symbolsprache und feststehende Kombinationen von Bild- und Lautdarstellungen entwickelt haben, alles das gilt es mit der Zeit zu untersuchen. Eine umfassende Methode zur Mustererkennung in dieser Erzählform, in einfacheren Worten also zur Comic-Analyse, liegt hiermit nun vor.«

Jakob F. Dittmar “Comic-Analyse”, UVK, Konstanz 2008

Eine Methode zur Mustererkennung in dieser Erzählform: Tatsächlich glaube ich nicht, dass Dittmar sein Ziel erreicht hat. Was es nämlich »mit der Zeit zu untersuchen gilt« wäre genau das, was eine allgemeine Comic-Analyse einschließen müsste. Die Analyse von ihrem Gegenstand zu trennen, also eine allgemeine Theorie des Gegenstands jenseits aller seiner Erscheinungen zu bilden, jenseits seiner jeweiligen und sehr unterschiedlichen Geschichten, findet eine notwendige, unüberwindbare Grenze, eben weil Bild und Text erst auf der Ebene der parole, des Sprechakts, des Zeichenakts und nicht systemisch zueinander in Beziehung gesetzt werden. Eine Analyse der Sprache, der Bilder – das schien bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich möglich, eine Analyse der Comics aber wird immer von der spezifischen Konstellation ihrer Zeichen in ihrem jeweiligen Erscheinen begrenzt werden. Deshalb reicht eine umfassende »Methode zur Mustererkennung« nicht aus. Anders formuliert: Dittmar folgt einem Idealismus der Formbestimmung, der in seinem Buch allzu oft zum Gemeinplatz gerät. Dort müssen alle erkenntnistheoretischen Fragen ausgeschlossen werden, die Comics in ihrer Konfrontation zweier Zeichensysteme, zweier sehr unterschiedlicher Bezüge auf die Welt, zweier Produktionsweisen der Welt immer auch stellen und in denen sich das Politische der Comics artikuliert.

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2 Kommentare zu “Unsäglich. Zum Stand der deutschen Comic-Forschung 2009”

  1. Daniel Wüllner on November 20th, 2009 at 12:10

    Lieber Ole,

    Ich habe mich sehr gefreut über die dezidierte Auseinandersetzung mit den beiden Texten.

    Die Freude entsteht aber nicht durch deinen kritischen Ton, sondern vielmehr durch die Tatsache, dass mich deine exakte Herangehensweise immer auch meine eigenen Fehler in diesem Bereich aufmerksam macht. Der Gestus des “Nur gut, dass es solche wissenschaftlichen Arbeiten über Comics überhaupt gibt”, in den auch ich nur allzu oft verfalle, reicht einfach nicht aus, um Comics angemessen zu analysieren.

    Danke für diesen kleinen Weckruf.

    Grüße nach Hamburg,
    Daniel

  2. Marc-Oliver Frisch on November 20th, 2009 at 13:45

    Mein generelles Problem mit der Comicforschung: zu viel Forschung, “Musterkennung” und Streit darüber, wer was zuerst so entdeckt, gemacht oder genannt hat; zu wenig Lesen.

    Der Betrieb hat genug Linguisten und Faktenhistoriker, die sich immer irgendwie in sicherer Distanz zum unangenehm subjektiven, mit Theorien nie komplett erfassbaren Inhalt eines konkreten Werks aufhalten. Woran es fehlt ist ein kritischer, differenzierter, selbstbewusster Umgang mit diesen Inhalten und ihre kulturelle Einordnung.

    Sicher ist es wichtig, Erzählmuster und -techniken zu erkennen und zu analysieren und Theorien zu entwickeln. Aber man sollte dabei nicht verkennen, dass all das nicht mehr sein kann, als Mittel zum Zweck des Erzählens: Was macht den Menschen aus? Was bewegt ihn? Wie bewegt es ihn? Auf welche Art kann ein Comic - und NUR ein Comic - mich erreichen und mir Aufschluss über Verhaltens- und Denkweisen geben, die meiner Einsicht vorher verborgen waren?

    Wie auch Romane, Filme, Theaterstücke oder Videospiele sind auch Comics in erster Linie narrative Texte, die gelesen werden können und etwas aussagen - über DEN Menschen und über DIE Menschen. Jede Textanalyse oder historische Abhandlung, der dieser konkrete Bezug fehlt, muss sich die Frage nach ihrer Relevanz gefallen lassen.

    Im übrigen stimme ich zu, dass es für Wissenschaftler wenig hilfreich ist, generell davon auszugehen, dass sie die ersten sind, die sich mit einer bestimmten Materie befassen. Sie sollten aber auf jeden Fall generell davon ausgehen, dass das auf ihre Leser zutrifft. Ihre Texte können davon nur profitieren.

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